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Peepshow im Unterricht

Die XY ist ein angesehenes Institut, das in insgesamt 21 Städten in der Bundesrepublik "Know-how für die Jobs von morgen" anbietet. Auch die Arbeitsämter verweisen UmschülerInnen und Arbeitslose gerne an diesen Weiterbildungsträger. Über diesen Weg kam auch Renate M. *), nach ihrem abgeschlossenen Hochschulstudium arbeitslos, zur XY München. Sie besuchte eine zehnmonatige Fortbildung zur "Microsoft Systemspezialistin", die sie inzwischen erfolgreich abgeschlossen hat. Trotz alledem.

Bereits der erste Tag", so Renate M., "war ein Schock. Nicht weil unter den 20 TeilnehmerInnen gerade mal zwei Frauen waren. Damit hatte ich gerechnet. Aber dass wir beim ersten Starten der Computer auf 13 von 20 Rechnern Pornos vorfanden, das überstieg bis dahin meine Vorstellungskraft."

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es handelte sich wirklich um Pornos und nicht "nur" um Pin-up-Girls, die da über den Bildschirm flimmerten. Die gab es natürlich auch – und zwar in Hülle und Fülle, wie spätere Recherchen ergaben. Unter den Dateiordnern "möpse" und "lecker" konnten die TeilnehmerInnen im Computernetz des Instituts mühelos auf über 700 Dateien mit Pornos und Pin ups zugreifen. Die überwiegend männlichen Kursteilnehmer nutzten das "Angebot" - mit wachsender Begeisterung und während des Unterrichts. Die DozentInnen, so heißt es später, haben davon nichts bemerkt.

"Das war ein Versehen, das wir sehr bedauern. Normalerweise werden die Rechner nach jedem Kurs gesäubert und neu installiert", kommentiert Anton M., Leiter des Instituts, die Vorkommnisse, die inzwischen ein knappes Jahr zurückliegen.

Von dem Bedauern bekam Renate M. allerdings wenig zu spüren. Im Gegenteil. Als sie nach dem ersten Schock ihre Sprachlosigkeit überwunden hatte und sich nach wenigen Tagen an einige DozentInnen wandte, erging es ihr wie vielen Frauen, die sich über sexuelle Belästigung beschweren. Nach dem Motto "Was nicht sein darf, das nicht sein kann", wurden die Vorwürfe zunächst als haltlos zurückgewiesen. "Unter vier Augen verstieg sich die zuständige Systemadminstratorin sogar zu der Behauptung, es sei unmöglich, was ich der Schule unterstelle", erinnert sich Renate M..

Erst nach einer Woche wird die Schule fündig, werden die Pornos gelöscht. Damit ist für das Institut das Thema erledigt. Für Renate M. ist es nur eine Verschnaufpause, "neben der alltäglichen verbalen Belästigung durch Teilnehmer".

Denn kaum haben die Kursteilnehmer die Möglichkeit, über das Internet auf entsprechende Angebote zurückzugreifen, wird eifrig in den Sex-Sites gesurft. Die Teilnehmer einer anderen Ausbildungsgruppe treiben es so toll, dass sich sogar das der XY gegenüberliegende Hotel beschwert. Die morgendlichen Peepshows waren nämlich vom Frühstückszimmer des Hotels aus gut zu verfolgen.

Dieser Tatsache und der Intervention des Arbeitsamtes, an das sich Renate M. in ihrer Not wandte, ist es zu verdanken, dass sich die XY nun doch intensiver damit auseinander setzen muss. Dr. Werner van de Voort, Abschnittsleiter im Arbeitsamt München und zuständig für akademische Berufe, ging der Beschwerde von Renate M. jedenfalls sofort nach. "Sexuelle Belästigung ist demütigend. Wir nehmen das sehr ernst."

Auf einer gemeinsamen Konferenz mit Institutsleitung und DozentInnen machte Werner van de Voort die Haltung des Arbeitsamts deutlich. "Die Resonanz", so van de Voort, "war gemischt. Einige haben es kategorisch abgestritten, andere meinten, die Frau spinnt, einige haben sich entschuldigt."

Wenige Tage danach machte Anton M. einen Rundgang durch die Klassen und verkündete, die Schule werde in Zukunft mit Abmahnungen und mit Rausschmiss gegen solche Vorkommnisse vorgehen. "Das Ganze dauerte ungefähr eine Minute und war eher ein kumpelhafter Appell", erinnert sich Renate M.. Entsprechend bescheiden die Reaktionen. Ein Bildschirmschoner mit dem bezeichnenden Inhalt "Ficken" wurde von einem Teilnehmer in "Das böse Wort mit F" umgeschrieben. Der Dozent, der den Protest von Renate M. mitbekam, ließ es auf sich beruhen. "Nie hat ein Dozent eingegriffen, wenn ich mich durch die Bilder oder verbal belästigt wurde", sagt Renate M..

Das Arbeitsamt, dem übrigens noch eine weitere Beschwerde wegen sexueller Belästigung bei der XY vorliegt, wird aber an der Sache dran bleiben. Van de Voort: "Das war die erste gelbe Karte. Im Herbst werden wir die XY sicher noch mal besuchen. Und wenn die Dinge nicht abgestellt werden oder weitere Beschwerden kommen, dann müssen wir eben zu anderen Mitteln greifen. Sprich, wir werden prüfen, ob das Arbeitsamt die Schule noch weiter empfehlen kann."

*) Der Name wurde von der Redaktion geändert

Der Artikel ist in der fiff, Zeitung der Münchner Gleichstellungsstelle, Nr. 30 im August 2000 erschienen.