Mäuse muss man auf den Rücken legen
Gewalt an Schulen
Sie hat sich bewusst für eine technische Ausbildung entschieden und freute sich, dass sie über persönliche Kontakte auch schnell eine Lehrstelle gefunden hat. Heute - knapp zwei Jahre später - bereut sie ihre Entscheidung "ein bisschen". Die Chancen, nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz zu finden, stehen schlecht. Und der Umgangston in den von Männern dominierten Berufen ist nicht nur rauh, er ist auch unerträglich. Andrea M.*), die im Rahmen ihrer Ausbildung die städtische Berufsschule für Metallbau besucht, kann ein Lied davon singen.
Gleich zu Beginn ihrer Lehre bekam sie zu spüren, was zum Beispiel zwei Ausbilder an der Berufsschule über Frauen in 'Männerberufen' denken: "Es war im Unterricht 'Praktische Fachkunde'", erzählt Andrea M. "Ich reichte dem Lehrer eine Schere. Sein Kommentar vor der gesamten Klasse: 'Jetzt sieht man mal, wozu Frauen gut sind'." Noch deutlicher ein EDV-Ausbilder. Er erklärte öffentlich: "Mäuse, die einem gefallen, muss man auf den Rücken legen." Das offizielle Frauenbild der Stadt! Das suggeriert zumindest die Gestaltung dieses Schaufensters, das SchülerInnen einer privaten Weiterbildungsinstitutuin in der Münchner Innenstadt gestaltet haben.
Wo schon Lehrer solch sexistische Äußerungen tun, erstaunt es nicht, dass der Umgangston unter Schülern noch um Einiges derber ist. Andrea M. schildert eine Situation, die sich vor wenigen Wochen zugetragen hat: "Mehrere Schüler haben sich in meiner Gegenwart unterhalten. 'Willst Du sie ficken?' fragt der eine. Die Anwort: 'Die ätzende Fotze fick ich doch nicht.' Ein anderer: 'Du kahle Fotze, dich fick ich doch von hinten'."
Dieses Erlebnis veranlasst Andrea M. endlich etwas zu unternehmen. Sie bittet den Klassenlehrer, ihr den Wechsel in eine andere Klasse zu ermöglichen. Sie beschwert sich schriftlich bei der Gleichstellungsstelle und bei ihrem Direktor. Doch das anschließende Gespräch mit dem Chef der Schule verläuft "nicht gerade berauschend". Zwar werden die Schilderung von Andrea M. von niemandem bezweifelt. "Doch der Direktor", so Andrea M., "hat mir wohl verübelt, dass ich das Frauenbüro eingeschaltet habe. Seine Sorge war, dass die Angelegenheit an die große Glocke gehängt wird. Ich fühlte mich jedenfalls am Ende nicht mehr als Opfer sexistischer Übergriffe, sondern eher als Täterin."
Trotzdem: Die Initiative von Andrea M. hat einiges ins Rollen gebracht. Die Schule akzeptierte nicht nur den Wechsel in eine andere Klasse, sie zeigt sich auch bereit, das Thema sexistische Gewalt anzugehen. Gabi Anders-Hanfstingl, Koordinatorin für die Mädchenbeauftragten an städtischen Schulen, wurde eingeschaltet und beauftragt eine Konferenz für das Lehrerkollegium vorzubereiten. "Das ist immer der erste Schritt", weiß Cony Lohmeier, die in der Gleichstellungsstelle für dieses Thema zuständig ist und in der Kampagne "Aktiv gegen Männergewalt" mitarbeitete. "Die LehrerInnen müssen sensibilisiert und ermutigt werden, bei solchen sexistischen Übergriffen einzugreifen." Und sie bestätigt: Verbale sexistische Angriffe gegenüber jungen Frauen sind nicht die Ausnahme. Eher die Regel.
Das ergab auch eine Befragung von Schülerinnen und Schülern an der Berufsschule in der Luisenstraße und der Arthur-Kutscher-Realschule. Die Zahlen sind unmissverständlich: Zwei Drittel der jungen Frauen haben Beschimpfungen und sexistischen Äußerungen selbst erlebt, sechs Prozent waren schon mal einer Situation ausgesetzt, in der sie sich von einem jungen Mann sexuell genötigt fühlten.
Gleichstellungsstelle und Mädchenbeauftragte bemühen sich deshalb intensiv darum, durch schulische Projekttage das Thema öffentlich zu machen. An der Berufsschule in der Luisenstraße und der Arthur-Kutscher-Realschule wurden diese Veranstaltungen bereits durchgeführt. Einen ganzen Tag lang konnten sich die Schülerinnen und Schüler über die verschiedensten Aspekte sexueller Gewalt informieren und mit Fachfrauen und -männern von der Polizei, der Gleichstellungsstelle, von Frauenhäusern und Pro Familia diskutieren.
Dass solche Projekttage ihre Wirkung nicht verfehlen, bewiesen die Schülerinnen und Schüler der Arthur-Kutscher-Realschule. Sie entwickelten gemeinsam einen Verhaltenskodex. Mit an erster Stelle der Vereinbarungen: Sexistische Schimpfwörter sind tabu.
Ob der gute Vorsatz vorhält, wird sich zeigen. "Ein Tag allein genügt natürlich nicht, um den Sexismus aus den Schulen zurückzudrängen," meint Cony Lohmeier vom Frauenbüro. "Aber es ist ein Anfang. Bleibt zu hoffen, dass andere städtische Schulen dem guten Beispiel folgen werden." Wenn es nach der Gleichstellungsstelle geht, dann steht die Berufsschule für Metallbau auf der Prioritätenliste ganz oben an.
*) Name von der Redaktion geändert
Dieser Artikel wurde in der fiff, Zeitung der Münchner Gleichstellungsstelle, Nr. 28, Januar 2000 veröffentlicht.
