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Expertise zu (Männer-) Gewalt im Internet - im Auftrag der Gleichstellungsstelle München - Dr. Andrea Rothe

Dr. Andrea Rothe, Politikwissenschaftlerin und Mitarbeiterin im Deutschen Museum München. Eine Kurzbiografie finden Sie am Ende der Seite.

(Männer-) Gewalt im Internet

Wir sind am Übergang vom Industrie- ins Informationszeitalter. Das wichtigste Mittel zur Verbreitung von Informationen ist die Kommunikation. In der Geschichte der Kommunikation gab es nie ein Medium, das so schnell gewachsen ist wie das Internet und die angeschlossenen Dienste (z.B. Email). Damit wird die Bedeutung der Neuen Medien deutlich: sie sind die Medien der Zukunft. Mittel- und langfristig werden nur die Menschen Zugang zu Wissen, Macht und Märkten haben, die Zugang zu diesen Kommunikationsmedien haben, bzw. die Informationen via dieser Medien abrufen und verbreiten können. Die herausstechenden Merkmale der Neuen Medien sind ihre Geschwindigkeit, der Verbreitungsgrad, der erreicht werden kann, und die Möglichkeiten des Zugriffs auf diese Daten.

Die Neue Kommunikationsmedien haben Vorteile, aber auch viele Nachteile. Die Vorteile des Internet und der angeschlossenen Dienste überwiegen die Nachteile bei weitem. Zu nennen sind u.a. die neuen Möglichkeiten der Vernetzung z.B. von Frauengruppen weltweit, oder die Chance, Berichte aus Krisengebiete zu erhalten, die an einer staatlichen Zensur vorbei laufen.

Die Nachteile der Neuen Medien werden dann sehr deutlich, wenn sexistische, rassistische oder gewalttätige Inhalte via Internet oder einem der angeschlossenen Dienste verbreitet werden. Diese Darstellungen sind binnen Sekunden rund um die Welt und jede/r hat - fast - unbegrenzten Zugang, zu jeder Zeit und von jedem Ort. Mit ein bisschen Erfahrung kann jede/r im Internet alles finden, kostenfrei und bis ins letzte Detail. Das reicht von rechtsradikalen Websites bis hin zu Nahaufnahmen von pornografischen Darstellungen mit fast jedem vorstellbaren Menschen, Tier oder Objekt.

Welche Formen der Gewalt im Internet gibt es?

Zwar ist das Internet ein neues Medium, aber die Inhalte sind nicht neu, sondern spiegeln die herrschenden gesellschaftlichen Gegebenheiten und Strukturen wider und können diese sogar verstärken. Gewaltdarstellungen in den Neuen Medien lassen sich nicht allein auf Gewalt von Männern gegen andere Personen reduzieren. Da die meisten Gesellschaften aber heute noch immer stark patriarchalisch geprägt sind und in diesen Gesellschaften Männer quasi ein "Vorrecht" auf die Durchsetzung ihrer Interessen auch mit Gewalt haben, sind viele Gewaltdarstellungen in den Neuen Medien solche, in denen Männer Gewalt gegen andere anwenden. Diese Formen der Gewalt gab es auch vor der Internet-Ära. Geändert haben sich mit dem neuen Medium aber die oben erwähnte Geschwindigkeit der Verbreitung, der Verbreitungsgrad und die Möglichkeiten des Zugriffs auf diese Daten.

Es finden sich im Internet alle Formen der offenen und direkten Gewalt sowie der strukturellen, versteckten und indirekten Gewalt.

Gegen wen richten sich die gewalttätigen Darstellungen in den Neuen Medien?

Grundsätzlich finden wir im Internet Gewaltdarstellungen gegen Menschen, Tiere oder Gegenstände. Die Opfer von Gewalt sind auch in den Internet-Darstellungen überproportional oft gesellschaftlich diskriminierte Personengruppen. Je nachdem, aus welchem sozialen Hintergrund die BetreiberInnen entsprechender Websites kommen, sind die Feindbilder Frauen, Schwarze, jüdische oder arabische Personen o.ä.

Animierte Gewaltdarstellungen in Form von Videos sind vorwiegend in Spielen zu finden. Online-Spiele sind in Deutschland längst nicht so flächendeckend verbreitet wie etwa kaufbare Computer-Spiele auf CD-Rom oder DVD. Das liegt u.a. daran, dass es in Deutschland nach wie vor kaum günstige Flatrates mit schnellen Übertragungsraten gibt. Auch bei diesen Spielen richtet sich Gewalt meist gegen gesellschaftliche Randgruppen und Frauen. Inzwischen nimmt allerdings der Anteil der weiblichen Figuren zu, die genauso gewalttätig sind wie ihre männlichen Gegner. Zu den weiblichen Ikonen, deren hervorspringende Eigenschaften ihre Gewalttätigkeit und Aggressivität sind, gehören das Tank-Girl mit ihrem Panzer, genauso wie Lara Croft, die bis zu den Zähnen bewaffnet nur in militärischem Kampfanzug dargestellt wird (Tomb Raider).

Einen wesentlichen Anteil der Inhalte des Internet weltweit stellen nach wie vor Pornos dar. Zwar gibt es auch Pornografie für Lesben und Schwule, der ganz überwiegende Teil der Angebote sind aber Pornos für heterosexuelle Männer. Die sexistischen Darstellungen in diesen Angeboten richten sich gegen Frauen. Die Angebote reichen von "Pin-Up-Fotos" über Softpornos, in denen die sexuelle Handlung nur angedeutet ist, bis hin zu Gewaltpornografie, Pornografie mit Kindern oder Tieren, oder SM-Praktiken. Sexistische Darstellungen von Männern sind bisher selten.

All diese Darstellungen gab es auch schon in der Vor-Internet-Ära. An jedem Kiosk hängen die Pornozeitschriften so aus, dass jede/r Vorbeigehende die in Pose gesetzten nackten Frauen sehen kann. Wer mehr sehen will, kann die Zeitschriften jederzeit käuflich erwerben. Jugendschutz ist mit Einschränkungen bei Zeitschriften, Büchern, CDs etc. insofern leichter durchsetzbar, als noch reale Gegenstände die/den Besitzer/in wechseln müssen.

Das Medium Internet erlaubt nun eine weltumspannende Verbreitung und einen fast freien Zugriff. Pin-Up-Darstellungen und Softpornos sind nicht verboten und stellen keine offene Gewalt dar. Dennoch wird durch sie ein sexistisches Frauenbild weltweit verbreitet, das die Diskriminierung und die Reduzierung von Frauen auf Sexualobjekte für Männer mit jedem Bild reproduziert und in den Köpfen der BetrachterInnen festigt.

Ist der Markt mit Pornos schon bisher ein lukratives Geschäft gewesen, so wurde dies durch die Neuen Medien noch verstärkt. Pornographische Online-Angebote sind einer der wenigen Bereiche, in dem im Internet von Anfang an Geld verdient worden ist.

Ein besonderes aktuelles Ärgernis ist der zunehmende Missbrauch von Email-Adressen. Jede/r kennt die SPAM-Mails mit Links zu Pornoseiten, die inzwischen fast täglich die Mailboxen aller Email-NutzerInnen vermüllen. Mailfilter können diesen Mails wenig anhaben, da sie weder ein auffälliges Betreff haben, noch in den Inhalten sexuelle Anspielungen oder Worte verwenden. Der in jedem Text vorkommende Links führt jedoch in der Regel auf Pornoseiten, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Die Nutzerinnen und Nutzer können diese Emails im Moment nur löschen und Jugendschutz ist in diesem Zusammenhang völlig unmöglich.

Welche Internet-Techniken (Tools) werden verwendet?

Offene und strukturelle Gewalt wird im Internet mit allen üblichen Techniken dargestellt.

  • Statische Darstellungen wie Bilder und Fotos werden im JPEG- oder Gif-Format
  • Animierte, also bewegte Darstellungen werden u.a. als Real-Videos, Quicktime-
  • Pornografische Angebote nutzen alle oben genannten Techniken. Darüber hinaus

angeboten.
Videos, Flash-Animationen oder MPEG-Dateien angeboten.
kommen Live-Chats und Live-Cams zur Anwendung.

Was kann gegen gewalttätige Darstellungen im Internet getan werden?

Hier gibt es unterschiedliche Ansätze, je nachdem, welche Formen der Gewalt in den Neuen Medien bekämpft werden soll.

Als niederschwelliges Angebot für die Nutzerinnen und Nutzer der Neuen Medien sind feste Ansprechstellen sinnvoll. Ob sie direkt bei den Polizeidienststellen angesiedelt sind, oder diesen vorgeschaltet werden, ist eine Frage der Organisation und Finanzierung. Die Anlaufstellen sollten geografisch in regionale Stellen, nationale und internationale Stellen aufgegliedert sein. So können sie den Verbraucherinnen und Verbrauchern Vertrauen geben, dass ihre Befürchtungen bezüglich der Angebote in den Neuen Medien ernst genommen werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Anlaufstellen müssen soweit geschult sein, dass sie legale von illegalen Angeboten unterscheiden können.

Werden den Anlaufstellen illegale Angebote im Internet gemeldet, wird entsprechend ein Verfahren gegen die AnbieterInnen eingeleitet. Eine der Schwierigkeiten im Kampf gegen (Männer-) Gewalt in den Neuen Medien ist, dass das Internet und die angeschlossenen Dienste international sind, wodurch sich der polizeiliche Zugriff auf illegale Angebote oft als schwierig erweist.

In Unternehmen können unterschiedliche Software zum "Web Wash" eingesetzt werden, um den Beschäftigten den Zugriff auf z.B. Porno-Seiten oder rechtsradikale Angebote während der Arbeitszeit zu verbieten. "Web Wash" erlaubt den Unternehmen die Überwachung der Internetnutzung. So erwachsen den Unternehmen keine finanziellen Verluste. An der Tatsache, dass es in den Neuen Medien so viele derartige Angebote gibt, ändert sich aber nichts. Diese Veränderung kann nur durch eine Reduzierung der Nachfrage geregelt werden.

Besondere Aufmerksamkeit sollte dem Jugendschutz zufallen. Es gibt inzwischen unterschiedliche Software, mit der das Internet kindersicher gemacht werden kann. Ab spätestens 12 Jahren kennen sich aber viele Jugendliche besser in den Neuen Medien aus als ihre Eltern. Der Ansatz über Verbote oder spezielle Software ist dann hinfällig. Gleichzeitig steigt bei vielen Pubertierenden das Interesse an Computer-Spielen und Pornographie.

Um hier eingreifen zu können, muss den Jugendlichen die Möglichkeit gegeben werden, dass sie zu bewussten und kritischen Surferinnen und Surfern werden. Am besten und effektivsten kann das in den Schulen erreicht werden, also dort, wo die Jugendliche i.d.R. den Umgang mit dem Computer und dem Internet lernen. Wie genau die Schulungen der Jugendlichen umgesetzt werden, kommt auf die Umstände an. Eine Möglichkeit ist die Schulung der Lehrkräfte als MultiplikatorInnen. Eine andere ist es ein Team zu formen, das von außen an die Schulen herantritt.

Resümee

(Männer-) Gewalt in den Neuen Medien ist ein weitreichendes Problem, für dessen Lösung es kein Patentrezept gibt. Vielmehr ist es notwendig, dass auf vielen unterschiedlichen Ebenen gearbeitet wird. Das Ziel liegt zum einen in der Verfolgung illegaler Angebote. Zum anderen ist eine wirkliche Verminderung gewalttätiger Angebote nur durch eine Reduzierung der Nachfrage nach entsprechenden Angeboten zu erreichen.

Wir sollten beim Kampf gegen (Männer-) Gewalt auch im Auge behalten, dass es neben den gewalttätigen und diskriminierenden Darstellungen in den Neuen Medien zahlreiche Bereiche gibt, die gleichermaßen mit offener oder struktureller Gewalt arbeiten. Zu diesen gehören Menschenhandel, Zwangsheiraten, Zwangsprostitution und der Prostitutionstourismus. Zum Teil werden von Menschenhändlern, Zuhältern und kaufwilligen Freiern die Neuen Medien genutzt, um einen leichteren Zugang zu der von ihnen gewünschten "Ware Mensch" zu erhalten. Die Probleme, die durch Menschenhandel, Zwangsheiraten, Zwangsprostitution und der Prostitutionstourismus entstehen, sind aber gesondert zu betrachten.

Dr. Andrea Rothe
Dr. phil. Andrea Rothe, geb. 1964, ist Politikwissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Geschlechterforschung. Hier hat sie sich intensiv mit den Themen Pornographie und Prostitutionstourismus auseinander gesetzt. Als weitere Themen kamen in den letzten Jahren die Fragen nach den geschlechtsspezifischen Angeboten und der geschlechtsspezifischen Nutzung im Bereich der Neuen Medien hinzu.

Zur Zeit ist Frau Dr. Rothe beim Deutschen Museum München beschäftigt. Sie ist dort verantwortlich für die Internetsite und konzipiert unterschiedliche Projekte für Mädchen und Jungen im Bereich Naturwissenschaft und Technik unter Einbeziehung der Neuen Medien als Lernplattform.

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