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Frauenhandel und Ausbeutung mit der Hilfe neuer Informationstechnologien - Aufsätze von und Interview mit Dr. Monika Gerstendörfer

Das Internet bietet anonymen Zugriff, Informationen können weltweit und stets aktuell eingespeist werden. Diese Vorteile wissen zunehmend Menschenhändler, Sextouristen und Anbieter von Hardcore- sowie Kinderpornografie zu nutzen. Verharmlosende Sprachregelungen bagatellisieren die sexualisierte Gewalt, die online in die Köpfe vordringt. Zudem ermöglichen die High-Tech-Medien eine neue Dimension der Gewalt gegen Mädchen und Frauen: in interaktiven Live-Strips können User "in Echtzeit" pornografische Szenen drehen, Mißhandlungen inklusive. Die Wissenschaftlerin und freie Autorin Dr. Monika Gerstendörfer beschäftigt sich seit vielen Jahren mit diesen Themen. Sie hat 2002 für die EU-Kommission einen Bericht über sexuelle Ausbeutung und die neuen Informationstechnologien geschrieben.
Die lets netz-Redaktion hat sie interviewt.

Sie finden hier außerdem drei Aufsätze von Dr. Monika Gerstendörfer im pdf-Format.

Aufsätze

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"Wie Schlachtvieh gehandelt..."

Interview mit Dr. Monika Gerstendörfer

Wie sind Sie auf das Problem Internet und Gewalt gestoßen?

Monika Gerstendörfer: Anfang der 90er erschien ein Artikel in der EMMA. Ich war damals gerade aus Wissenschaft und Forschung (9 Jahre IBM Science Center) aus- und in die Menschenrechtsarbeit eingestiegen. Da diese Problematik genau meine Mehrfachqualifikation erforderte, habe ich nachgehakt, war schockiert und entsetzt, habe daher weiter recherchiert, den ersten längeren Artikel zum Thema in Europa geschrieben; und dann meine zunehmenden Kenntnisse zu "Informationstechnologie und Gewalt" über weitere Artikel, Vorträge, Anhörungen (Europaparlament in Brüssel, Europarat in Straßburg, UNO New York, "policing the internet" London, Bundestag und Länderparlamente) und aktive politische Gremien (u.a. AG Männliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen in der Bundesrepublik Deutschland" zur Vorbereitung für die 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995; European Womens Lobby Brüssel) weiter verbreitet. Ich habe die letzten 10 Jahre mit deutschen und ausländischen Kripobeamten zusammengearbeitet; wir haben gemeinsam Workshops, Anhörungen und Fernsehauftritte bestritten und uns oftmals gegenseitig unterstützen müssen, weil das, was wir taten und tun, so schrecklich ist, dass man es "normalen" Menschen nicht erzählen kann. Aber man muss ab und zu darüber reden können; sonst wird man verrückt. Anders ausgedrückt: durch eine erste Information, nachfolgende Schocks und meine Neugier bin ich immer tiefer in die "Materie" gerutscht.

Was sind die gravierendsten Auswirkungen der (Männer)gewalt im Internet?

Monika Gerstendörfer: Es gibt auch Täterinnen; insbesondere gegen Kinder. Pädokriminelle Frauen "argumentieren" auf entsprechenden Webseiten oder in Diskussionsforen genau wie ihre männlichen Pendants ("Kinder haben ein Recht auf Sex" etc.).

Die Gewalt im Netz richtet sich gegen v.a. gegen alles, was lebendig ist: gegen Menschen (Rassismus, Sexismus, Faschistoides usw.) und gegen Tiere (sog. Zoophilie); das Ganze auch in diversen Kombinationen Die Grausamkeiten sind - genau wie das Netz - grenzenlos....

Die typische Männergewalt hat so viele Formen angenommen, dass eine Aufzählung viele Seiten füllen würde. Sie findet inzwischen an allen "Orten" der virtuellen Welt statt (Webseiten, Foren, Newsgruppen, Gästebüchern, via Email, Internet Relay Chat o.ä.); in Bildern, Worten und Taten (z.B. Frauenhandel) werden hier Demütigungen, Hasstiraden und Drohungen ausgesprochen; Folterszenarien vorgeführt oder zum Kauf (Video, CD-ROM) angeboten; reale Menschen (Frauen, Kinder) wie Schlachtvieh gehandelt; und weit Schlimmeres! Aber auch der ganz normale Wahnsinn - wie ungeheuer sexistische Werbung hat hier längst Einzug erhalten.

Gibt es einen Unterschied zu herkömmlichen Medien?

Monika Gerstendörfer: Meine kurze Formel dafür lautet: "Die Informationstechnologie (IT) führte und führt zu einer raum-zeitlichen Verlängerung von Gewalt."
Beispiel: ein Bild, das ein Mal im Netz ist, kommt da nie wieder raus. Die Tauschbörsen für Kinder"pornos" sind nur eine Sache. Dass Überlebende meist bis ans Ende ihres Lebens unter der erlittenen Gewalt leiden, ist bekannt; aber durch die IT besteht eine reale, ständige Retraumatisierungsgefahr (viele Opfer haben Panik, die Bildern ihrer eigenen Leidensgeschichte womöglich einmal sehen zu müssen; aber schon die theoretische Möglichkeit, dass "ihre" Bilder gezeigt, verschachert, gesammelt, kommentiert werden, belastet sie ungeheuer).
Dann die Vernetzungsmöglichkeiten für unterschiedlichste "Interessengruppen"! Über die alten Medien (Fax, Telefon, Zeitungsanzeigen) hätten die nie zusammenkommen können. Aber durch die IT ist es möglich geworden, dass Händler, Misshandler usw. von Bildern, Videos oder ganz realen Frauen oder Kindern sich "treffen" und austauschen können, um ihre "Geschäfte" abzuwickeln.
Und damit verbunden: die Anonymität! Es sind die fehlende Transparenz, die Geheimhaltungsmöglichkeiten, die Privatheit, die Verschlüsselungs- und Verschleierungsmöglichkeiten u.v.m., die dazu führten, dass die Gewalt immer mehr eskaliert, immer brutalere Formen annimmt; also die gesenkten Hemmschwellen quasi bedient, sämtliche Tabus zum Teufel schickt.

Was muss getan werden, um das Internet frauenfreundlicher zu gestalten?

Monika Gerstendörfer: Zunächst einmal gilt nach meiner Erfahrung dies: wenn wir es in der sog. realen Welt nicht schaffen, das Problem in den Griff zu bekommen, dann schaffen wir es im Internet nie! Grund: hier sind die Bedingungen für Täter ja noch besser als in der sog. realen Welt. Das wissen die, deshalb tun sie es. In der Regel ungestraft! Stellen Sie sich einen hochaggressiven Virus (Männergewalt) vor, der nun auch noch eine Nährlösung (Internet & Co.) erhält... Das klingt fürchterlich und macht hoffnungslos; aber das ist die Realität!
Konstruktive Vorschläge für ein frauenfreundlicheres Netz wären u.a. diese: Viel mehr Frauen (aller Altersklassen) müssen online gehen (nicht nur per Email, auch mit Webseiten); den eigenen Töchtern Computer kaufen und sich gemeinsam mit ihnen in die Materie einarbeiten; die Mütter, Großmütter, Freundinnen dafür begeistern; kontinuierliche Vernetzungsarbeit (= Ausnutzen der Möglichkeiten der IT); nicht immer alles neu erfinden wollen; also die bestehenden Strukturen für und von Frauen im Netz erkunden und sich anschließen;
Schlüsselpositionen im Netz (Provider, Webseitenbetreiber), die frauenfeindlich sind oder Frauenfeindlichkeit zulassen, gemeinsam bekämpfen (z.B. durch Kündigungen von Verträgen mit bestimmten Providern; durch Proteste);

Monika Gerstendörfer ist Diplom-Psychologin, Menschenrechtlerin und freie Autorin. Ihr Spezialgebiet sind alle Formen sexualisierter Gewalt.
Sie ist Mitbegründerin der Lobby für Menschenrechte e.V., Kontakt: www.lobby-fuer-menschenrechte.de.
Dort können Sie auch den 2003 veröffentlichten EU-Bericht zu den Auswirkungen sexualisierter Gewalt im Internet herunterladen:
www.lobby-fuer-menschenrechte.de/news_eng.html#final

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