Start > Theorie & Praxis > Expertisen & Aufsätze > Gewalt in den Medien, Beitrag für eine GEW-Zeitung - Dr.Werner Hopf

Gewalt in den Medien, Beitrag für eine GEW-Zeitung - Dr.Werner Hopf

Im Fernsehen und bei Computerspielen wird gejagt, geschossen und gekillt. Welche Auswirkungen hat diese Gewalt in den Medien auf junge Menschen? Dr. Werner Hopf erläutert den aktuellen Diskurs und neuere Forschungsergebnisse. Der Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung des Autors "GEW DDS" entnommen, der Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Landesverband Bayern, Ausgabe November/Dezember 2002.

Wirkungen von Mediengewalt: Wissenschaft oder Vernebelung?

In den Tagesthemen der ARD am 08.05.2002 wurde der Bericht über ein Forschungsprojekt an der FU Berlin über brutale Computerspiele wie folgt anmoderiert: "Die politische Aufarbeitung des Attentats in Erfurt geht weiter. Die Bundesregierung legte am Mittwoch einen Gesetzentwurf vor, der eine striktere Durchsetzung des Rauchverbots für Jugendliche unter 16 Jahren und ein Verbot gewalttätiger Computerspiele vorsieht. Nach wie vor ist es wissenschaftlich nicht bewiesen, dass es einen Zusammenhang zwischen einem erhöhten Gewaltpotential und dem Computerspielen gibt. Ein Team von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin will der Frage nun mit einem neuen Ansatz begegnen: Der Ein-Stellung zum Tod." Anschießend zeigte dann Prof. Lenzen, FU Berlin, Ausschnitte aus dem angekündigten Projekt, in dem zwei Gruppen nach ihren Reaktionen auf Killerspiele gefragt wurden: Eine Gruppe mit Todeserfahrungen (z.B. Todesfälle in der Familie) und die andere ohne solche Erfahrungen. Was kann dabei herauskommen? Allenfalls, ob sie sich in der Rezeption der interaktiven PC-Gewalt unterscheiden. In den zwei Gruppen geht es also um die Interpretation der persönlichen Reaktion auf mediale Gewalt. Über Effekte medialer Gewalt auf Kinder und Jugendliche wird dadurch wissenschaftlich nichts belegt. Entscheidender ist aber die im Fernsehen vermittelte Botschaft, es sei wissenschaftlich nicht bewiesen, dass mediale Gewalt psychische Veränderungen und aggressives Verhalten bewirkt.

Bevor Forschungsergebnisse hierzu kurz dargestellt werden, um Vernebelungen und Vorurteile zu widerlegen, soll noch auf eine Strategie der Medien verwiesen werden, die systematisch ist: Teile und herrsche. Diese alte Herrschaftsmethode wurde am obigen Beispiel mit und durch Prof. Lenzen wieder praktiziert. Sie unterstützen viele andere "Hauswissenschaftler" der Medien. So hatte auch Lenzen auf dem Kongress für Erziehungswissenschaften 2002 in München zusammen mit anderen Medienpädagogen behauptet, dass "die Wirkungsforschung gescheitert sei". Diese sachlich falsche Aussage kann nur als Vernebelungstaktik bezeichnet werden, denn sie ignoriert 50 Jahre internationale Medien-Wirkungsforschung, durch die der Nachweis der kausalen Wirkung von gewalthaltigen Darstellungen in den Medien geführt wurde. Es gibt darüber keinen Streit innerhalb der seriösen Wissenschaft, was von manchen mediennahen Wissenschaftlern, von Medienvertretern und Politikern behauptet wird. So ließ sich z.B. durch Metaanalysen zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Rauchen auf 16% der Raucher zutrifft, während sich die Effekte von medialer Gewalt bei 10-15% von Kindern und Jugendlichen nachweisen ließen. In Risikogruppen, wie z.B. Hauptschüler, sind die Zusammenhänge noch stärker.

Erfurt und Freising, die Schulmassaker in den USA, die schon bis 1996 belegten 10 Nachahmungsmorde aufgrund de4s Films "Natural Born Killers" (SZ 6./7.07.96), die im "Observer" (09.06.02) veröffentlichte Liste der 14 "Scream"-Morde als Folge dieses Horrorfilms,die um den "Vanessa-Mord" in Augsburg zu ergänzen ist: Haben sie ein Umdenken bewirkt?

Obwohl sich an Einzelfällen kein wissenschaftlicher Beweis führen lässt, zeigen die fehlenden Konsequenzen nach medieninduzierten Morden, dass an der Lösung der Probleme kein ernsthaftes Interesse besteht.

Zum Forschungsstand

In ihrem Überblick über die Anzahl von Primärstudien berichteten Anderson & Bushman folgende Untersuchungszahlen: 46 Längsschnittstudien mit 4975 Probanden, 86 Querschnittsstudien mit 37 341 Probanden, 28 Feldexperimente mit 1976 Probanden und 124 Laborexperimente mit 7305 Probanden.

Diese Zahlen beziehen sich auf den englischsprachigen Raum. Im deutschsprachigen Raum sind hier vor allem die Untersuchungen von Lukesch, Lamnek, Kleiter, Tillmann et. al., Grimm und Weiß zu nennen. Der kausale Nachweis der Wirkungen von medialer Gewalt ist durch Labor- und Feldexperimente geführt, insbesondere durch das Feldexperiment in Kanada vor und nach Einführung des Fernsehens. Drei Gemeinden in Kanada wurden untersucht. In einer Gemeinde gab es noch kein Fernsehen (Notel), es sollte aber eingeführt werden. In der zweiten Gemeinde war ein TV-Sender schon zu empfangen (Unitel) und in der dritten gab es schon mehrere TV-Sender zur Auswahl (Multitel). Nach zwei Jahren war in Notel ein Fernsehsender, nämlich der Regierungskanal CBC mit zwei Fernsehkrimi pro Woche als einzige gewalthaltige Sendung zu empfangen.

45 Kinder wurden hinsichtlich ihres Ausmaßes an verbaler und physischer Aggression vor Einführung des Fernsehens in Notel untersucht, als die Kinder in der 1. und 2. Schulklasse waren. Die zweite Untersuchungswelle fand zwei Jahre später statt, nach Einführung des Fernsehens, als die Kinder die 3. und 4. Schulklasse besuchten. Die Fernsehzeiten der Kinder unterschieden sich nicht hinsichtlich des Geschlechts.

Die Autoren fanden einen signifikanten Anstieg von verbaler und physischer Aggression zwei Jahre später bei den Kindern von Notel, bei Jungen und Mädchen, unabhängig davon, ob die Kinder vor Einführung des Fernsehens friedlich oder aggressiv waren. Daraus ist zu folgern, da die Randbedingungen überprüft wurden und sich nicht geändert hatten, dass die Gewaltdarstellungen im Fernsehen die Ursache für den Anstieg der Aggressionen bei den Kindern von Notel waren.

Verstärkungseffekt oder Verursachung?

Vor allem durch dieses Feldexperiment ist die Frage geklärt worden, ob der Konsum medialer Gewalt Gewaltbereitschaft erzeugt oder nur vorhandene Dispositionen verstärkt. Auch bei friedlichen Kindern in Notel verursachte die TV-Gewalt verbale und physische Aggressionen. Die Verstärkungsthese wiederholt z.B. Theunert seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, "dass Medien und ihre Inhalte in erster Linie Verstärkungseffekte haben, also bereits existierende Dispositionen unterstützen, nicht aber neue generieren können". Kleiter widerlegte auch die simple Verstärkungsthese in seiner Untersuchung von 2400 Schülern: "Zwischen den ersten beiden Kettengliedern (Mediengewalt-Aggressivität-Aggression) im 3-Schritt-Modell lässt sich keine einseitige Richtung aufrechterhalten. Es existiert vielmehr eine gegenseitige Beeinflussung des Konsums von Film-Aggression auf den Erwerb von Trait-Aggressivität und umgekehrt. Das Henne-Ei-Problem - erst Aggressivität, dann Konsum von Film-Aggression oder umgekehrt - erwies sich daher schon in der Fragestellung als irrelevant. Es existiert eine gegenseitige Aufschaukelung, nicht eine einseitige, nur in eine Richtung laufende Beeinflussung zwischen Filmkonsum und Aggressivitätsaufbau".

Umwelt und Medienwirkungen

Ein zweites Problem der Medienwirkungsforschung bestand in der Annahme, dass nur unter bestimmten Bedingungen Lerneffekte durch Mediengewalt möglich seien. So nimmt z.B. Kunczik an, dass Kinder aus intakten Familien durch mediale Einflüsse nicht gefährdet wären. Die Befunde der Studie über gewalthaltige Computerspiele von Trudewind/Steckel belegen diese These nur unter der Bedingung, dass die Eltern die Nutzung gewalthaltiger PC-Spiele rigoros einschränken. In "intakten" Familien ohne Verbot der PC-Spiele bewirkte die mediale Gewalt genauso einen Empathieverlust wie bei Kindern ohne sichere Bindung. Auch in der Studie von Tillmann et. al. bildete die Mediengewalt den Haupteinflussfaktor auf physische Gewaltausübung, während restriktive oder akzeptierende Erziehungserfahrungen in der Familien statistisch keine Bedeutung hatten.

Das Problem, ob die Effekte medialer Gewalt bei gleichzeitigem Wirken von Drittfaktoren (Einflüsse der Familie, Schule, Peergroup, sozioökonomischer Status, psychiatrische Auffälligkeiten etc.) auf die Entstehung von Aggressivität und Gewalttätigkeit ein eigenständiger und bedeutsamer Faktor sind, ist als gelöst zu betrachten. Durch mehrere nationale Studien wurde diese Frage schon in den 90er Jahren geklärt. Vor allem durch die Längsschnittstudie von Johnson et. al. wurde belegt, dass bei einer Vielzahl von Einflussfaktoren auf die Entstehung von Gewalttätigkeit im Jugendalter die Fernsehzeit der entscheidende Kausalfaktor war.

Im März 2002 wurde diese 17jährige Längsschnittstudie, die in den USA durchgeführt wurde, veröffentlicht und erregte internationales Aufsehen. 707 Familien aus dem Staate New York nahmen daran teil. Die Untersuchung begannen 1975 und endet 1991-93. In dieser Studie wurde allein die Zeitdauer des Fernsehkonsums als Medienvariable erhoben, ebenso Persönlichkeitsmerkmale und Umweltfaktoren. Mit der Dauer des Fernsehkonsums, gemessen mit 14 Jahren, wuchs die physische Gewalttätigkeit, die gerichtlich bestraft wurde, im Alter von 16 Jahren signifikant an: Bei einer Stunde täglichem Fernsehkonsums wurden 5,7% der Jugendlichen mit 16 Jahren gewalttätig, bei 1-3 Stunden 18,4% und bei mehr als 3 Stunden 25,3%.

Wirkungen von Computerspielen

Truderwind & Steckel untersuchten die Wirkungen von gewalthaltigen Computerspielen bei 8 bis 14 Jahre alten Kindern. Deren emotionale Desensibilisierung belegten sie als den zentralen Wirkmechanismus, der auch langfristig die Entwicklung von Empathie beeinträchtigt. Der Abstumpfungseffekt war umso größer, je positiver die Kinder Mediengewalt bewerteten, wobei eine sichere Eltern-Kind-Bindung tendenziell vor Desensibilisierung schützte. Eine sichere Bindung bewahrte jedoch nur dann vor den negativen Wirkungen, wenn die Eltern das PC-Gewaltspiel der Kinder verboten und damit konsequent Grenzen setzten. Wenn dies nicht geschah, schützte auch die sichere Bindung nicht vor den destruktiven Wirkungen. Zusammenfassend stellten die Autoren fest, dass gewalthaltige PC-Spiele die Fähigkeit zur Empathie stark beeinträchtigten und die Attraktivität von Gewalt gesteigert wurde. Dies widerlegt die pseudoliberalen medienpädagogischen Vorstellungen, dass Kinder Erfahrungen mit Mediengewalt ermöglicht werden soll, damit deren Attraktivität abgebaut würde.

Empathie ist die entscheidende psychische Hemmung für Gewalttätigkeit. Wenn diese durch Killerspiele zerstört wird, entsteht auch eine erhöhte Gewaltbereitschaft.

"Transferprozesse beim Computerspiel" untersuchten qualitativ Esser/Witting und führten dazu 20 Jahre Interviews mit Erwachsenen ab 18 Jahren durch, was keine Aussagen über Kinder oder Jugendliche ermöglicht. Die Autoren zeihen aus ihrer Untersuchung den Schluss: "Das unkritische und weitestgehend unbewusste Übertragungen von Einstellungen und Verhaltensweisen auf die reale Welt birgt viele Konflikte und Gefahren in sich. Bestimmte Vorgehensweisen, die der Virtualität entspringen, können in der Realität tragische Konsequenzen haben". Dies ist eine Vermutung über Wirkungen der Killerspiele, in Erfurt Realität geworden, aber kein Beleg, da die methodische Vorgehensweise nur eine qualitative Interpretation von Interviewdaten bei kleiner Stichprobe ist. Fritz/Fehr vernebeln ebenso Wirkungen von Ego-Shootern: "Befragt man die Spieler direkt, und das zeigen unsere Untersuchungen, wird eine nachhaltige Auswirkung der virtuellen auf reale Welt eindeutig bestritten. Wohl aber, und auch darin sind sich viele (ältere) Spieler einig, können dies bei Jüngeren sehr wohl der Fall sein": Diese Haltung wird in der Medienwirkungsforschung als Third-Person-Effekt bezeichnet: Auf mich hat es keine Wirkung, nur auf die anderen.

Es ist hier nicht der Raum, kritisch auf die Methodik der narrativen Interviews einzugehen. Sie haben illustrativen Charakter für Wirkungen, die mit quantitativen Methoden erst belegbar sind. Als grundlegende Wirkung von Killerspielen auf Kinder und Jugendliche sehen Grossman/Gaetano das Erlernen des Tötens, indem Desensibilisierungs- Konditionierungsprozesse ablaufen, die die Tötungshemmung des Menschen außer Kraft setzen.

Dr. Werner Hopf ist Schulpsychologe.

zurück zu Expertisen